Helfen blutdrucksenkende Medikamente, transplantierte Nieren zu schützen und Herz-Kreislauf-bedingte Komplikationen zu verhindern?

Kernaussagen

- Kalziumkanalblocker (Arzneimittel, das Menschen mit einer Nierentransplantation zur Senkung ihres Blutdrucks verabreicht werden) verhindern wahrscheinlich Todesfälle und den Verlust der transplantierten Niere, haben aber im Vergleich zu Placebo (Scheinmedikament) oder Regelversorgung möglicherweise nur einen geringen oder gar keinen Einfluss auf die Nierenfunktion.

- Die blutdrucksenkenden Medikamente Angiotensin-Converting-Enzym-Hemmer und Angiotensin-Rezeptor-Blocker haben möglicherweise nur einen geringen oder gar keinen Einfluss auf Todesfälle, den Verlust der transplantierten Niere oder die Nierenfunktion.

- Wir sind uns nicht sicher, ob andere blutdrucksenkende Medikamente nützlich sind oder unerwünschte Wirkungen haben.

Warum sollte man den Blutdruck von Menschen behandeln, die eine Nierentransplantation erhalten haben?

Hoher Blutdruck (Hypertonie) tritt häufig bei Menschen auf, die eine Nierentransplantation erhalten haben. Ein erhöhter Blutdruck schädigt die Blutgefäße und kann zu schwerwiegenden Komplikationen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder einer eingeschränkten Durchblutung verschiedener Organe führen, einschließlich des Nierentransplantats. Dies kann letztlich den Verlust der transplantierten Niere zur Folge haben. Blutdruckmedikamente (auch als Antihypertensiva bekannt) werden zur Behandlung von Bluthochdruck eingesetzt und sollen den Blutdruck auf ein gesundes Maß senken. Die wichtigsten blutdrucksenkenden Medikamente, die Menschen nach einer Nierentransplantation verabreicht werden, sind Kalziumkanalblocker, Angiotensin-Converting-Enzym-Hemmer und Angiotensin-Rezeptorblocker.

Was wollten wir herausfinden?

Wir wollten herausfinden, ob blutdrucksenkende Medikamente, die Menschen mit einer Nierentransplantation verabreicht werden, Todesfälle und den Verlust der transplantierten Niere verhindern und die Nierenfunktion verbessern, verglichen mit Placebo (Scheinmedikament).

Wie gingen wir vor?
Wir suchten nach allen Studie zum Nutzen und Schaden von blutdrucksenkenden Medikamenten für die Behandlung von Menschen nach einer Nierentransplantation. Wir fassten die Ergebnisse der Studien zusammen, verglichen sie und bewerteten unser Vertrauen in die Informationen anhand von Faktoren wie Studienmethoden und Studiengröße.

Was fanden wir?
Wir fanden 97 Studien, an denen 8706 Menschen mit transplantierter Niere teilnahmen. An der größten Studie nahmen 820 Personen teil, an der kleinsten Studie 9 Personen. Die Studien wurden weltweit durchgeführt, die meisten davon in Europa (49). Die meisten Studien dauerten etwa 12 Monate, wobei die Spanne von 2 Wochen bis 5 Jahren reichte. Pharmazeutische Unternehmen finanzierten 26 der Studien.

- Kalziumkanalblocker verhindern wahrscheinlich Todesfälle und den Verlust der transplantierten Niere. Sie tragen jedoch möglicherweise nur wenig oder gar nicht dazu bei, die Abstoßung der transplantierten Niere zu verhindern oder die Nierenfunktion zu verbessern.

- Angiotensin-Converting-Enzym-Hemmer und Angiotensin-Rezeptor-Blocker tragen möglicherweise nur wenig oder gar nicht dazu bei, Todesfälle, Abstoßung oder Verlust der transplantierten Niere zu verhindern oder die Nierenfunktion zu verbessern.

- Über die Wirkungen anderer blutdrucksenkender Medikamente sind wir uns nicht sicher.

Was schränkt die Evidenz ein?

Wir sind moderat zuversichtlich, dass Kalziumkanalblocker Todesfälle jeglicher Ursache und den Verlust der transplantierten Niere verhindern; wir sind jedoch weniger zuversichtlich, dass sie die Abstoßung der Niere verhindern oder die Nierenfunktion verbessern können, da wir Bedenken hinsichtlich der Durchführung einiger Studien haben.

Wir sind auch weniger zuversichtlich, was die Ergebnisse anderer blutdrucksenkender Medikamente betrifft, da nur wenige Studien einbezogen wurden und einige der Studien unzureichend durchgeführt wurden.

Wie aktuell ist die Evidenz?

Die Evidenz ist auf dem Stand von Juli 2024.

Schlussfolgerungen der Autoren: 

Bei Nierentransplantatempfängern führt eine CCB-Therapie zur Senkung des Blutdrucks im Vergleich zu Placebo oder der Regelversorgung allein wahrscheinlich zu weniger Todesfällen und Transplantatverlusten, während ARB den Transplantatverlust verringern kann. Die Wirkungen von ACEi und ARB im Vergleich zu Placebo oder Regelversorgung auf andere patientenzentrierte Endpunkte waren ungewiss. Die Wirkungen der dualen Therapie, der Alphablocker und der Mineralokortikoidrezeptor-Antagonisten im Vergleich zu Placebo oder der alleinigen Regelversorgung sowie die vergleichenden Wirkungen der verschiedenen Behandlungen waren ungewiss.

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Hintergrund: 

Die vergleichenden Wirkungen spezifischer blutdrucksenkender Behandlungen auf patientenrelevante Endpunkte nach einer Nierentransplantation sind ungewiss. Unser Cochrane Review aus dem Jahr 2009 ergab, dass Kalziumkanalblocker (CCB) die Transplantatfunktion verbessern und den Transplantatverlust verhindern, während die Evidenz für andere blutdrucksenkende Behandlungen begrenzt war. Dies ist eine Aktualisierung des Cochrane Reviews von 2009.

Zielsetzungen: 

Vergleich von Nutzen und Schaden verschiedener Klassen und Kombinationen blutdrucksenkender Medikamente bei nierentransplantierten Patienten.

Suchstrategie: 

Wir kontaktierten den Informationsspezialisten und durchsuchten das Cochrane Kidney and Transplant Register of Studies bis zum 3. Juli 2024 mit Suchbegriffen, die für diese Überprüfung relevant sind. Die im Register enthaltenen Studien wurden durch Recherchen in CENTRAL, MEDLINE, EMBASE, Konferenzberichten, dem Suchportal der International Clinical Trials Registry Platform (ICTRP) und ClinicalTrials.gov ermittelt.

Auswahlkriterien: 

In Frage kamen randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) und Quasi-RCTs, in denen ein beliebiger blutdrucksenkender Wirkstoff bei Empfängern eines funktionierenden Nierentransplantats für mindestens zwei Wochen untersucht wurde.

Datensammlung und ‐analyse: 

Zwei Autoren bewerteten unabhängig voneinander die Risiken einer Verzerrung und extrahierten die Daten. Die Behandlungsschätzungen wurden unter Verwendung des Random-Effects-Modells zusammengefasst und als relatives Risiko (RR) oder mittlere Differenz (MD) mit 95 % Konfidenzintervallen (KI) ausgedrückt. Die Sicherheit der Evidenz wurde anhand des GRADE-Verfahrens (Grades of Recommendation, Assessment, Development and Evaluation) bewertet. Zu den primären Endpunkten zählten Todesfälle insgesamt, Transplantatverlust und Nierenfunktion.

Hauptergebnisse: 

Siebenundneunzig Studien (8706 Teilnehmende) wurden einbezogen. In einer Studie wurde die Behandlung bei Kindern untersucht. Das Gesamtrisiko der Verzerrung war in allen Bereichen unklar bis hoch.

Im Vergleich zu Placebo oder der Regelversorgung allein verringern CCB wahrscheinlich die Gesamttodesfälle (23 Studien, 3327 Teilnehmende: RR 0,83, 95% KI 0,72 bis 0,95; I2 = 0%; Evidenz von moderater Vertrauenswürdigkeit) und Transplantatverlust (24 Studien, 3577 Teilnehmende: RR 0,84, 95% KI 0,75 bis 0,95; I2 = 0%; Evidenz von moderater Vertrauenswürdigkeit). CCB können die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) wenig oder gar nicht beeinflussen (11 Studien, 2250 Teilnehmende: MD 1,89 mL/min/1,73 m2 , 95% KI -0,70 bis 4,48; I2 = 48%; Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit) und akuter Abstoßung (13 Studien, 906 Teilnehmende: RR 10,8, 95% KI 0,85 bis 1,35; I2 = 0%; Evidenz von moderater Vertrauenswürdigkeit). CCBs können den systolischen Blutdruck (SBP) senken (3 Studien, 329 Teilnehmende: MD -5,83 mm Hg, 95% KI -10,24 bis -1,42; I2 = 13%; Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit) und diastolischer Blutdruck (DBP) (3 Studien, 329 Teilnehmende: MD -3,98 mm Hg, 95% KI -5,98 bis -1,99; I2 = 0%; Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit). Die Wirkungen von CCB auf die Proteinurie sind ungewiss.

Im Vergleich zu Placebo oder der Regelversorgung allein machen Angiotensin-Converting-Enzym-Hemmer (ACEi) möglicherweise nur einen geringen oder gar keinen Unterschied bei der Gesamtsterblichkeit (7 Studien, 702 Teilnehmende: RR 1,13, 95% KI 0,58 bis 2,21; I2 = 0%; Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit), Transplantatverlust (6 Studien, 718 Teilnehmende: RR 0,75, 95% KI 0,49 bis 1,13; I2 = 0%; Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit), eGFR (4 Studien, 509 Teilnehmende: MD -2,46 mL/min/1,73 m2 , 95% KI -7,66 bis 2,73; I2 = 64%; Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit) und akute Abstoßung (4 Studien, 388 Teilnehmende: RR 1,75, 95% KI 0,76 bis 4,04; I2 = 0%; Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit). ACEi können die Proteinurie verringern (5 Studien, 441 Teilnehmende: MD -0,33 g/24 Stunden, 95% KI -0,64 bis -0,01; I2 = 67%; Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit), hatte aber unsichere Wirkungen auf SBP und DBP.

Im Vergleich zu Placebo oder der Regelversorgung allein machen Angiotensin-Rezeptorblocker (ARB) möglicherweise nur einen geringen oder gar keinen Unterschied bei der Gesamtsterblichkeit (6 Studien, 1041 Teilnehmende: RR 0,69, 95% KI 0,36 bis 1,31; I2 = 0%; Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit), eGRF (5 Studien, 300 Teilnehmende: MD -1,91 mL/min/1,73 m2 , 95% KI -6,20 bis 2,38; I2 = 57%; Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit), und akute Abstoßung (4 Studien, 323 Teilnehmende: RR 1,00, 95% KI 0,44 bis 2,29; I2 = 0%; Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit). ARBs können den Transplantatverlust verringern (6 Studien, 892 Teilnehmende: RR 0,35, 95% KI 0,15 bis 0,84; I2 = 0%; Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit), SBP (10 Studien, 1239 Teilnehmende: MD -3,73 mm Hg, 95% KI -7,02 bis -0,44; I2 = 63%; Evidenz von moderater Vertrauenswürdigkeit) und DBP (9 Studien, 1086 Teilnehmende: MD -2,75 mm Hg, 95% CI -4,32 bis -1,18; I2 = 47%; Evidenz von moderater Vertrauenswürdigkeit), hat aber ungewisse Wirkungen auf die Proteinurie.

Die Wirkungen von CCBs, ACEi oder ARB im Vergleich zu Placebo oder der Regelversorgung allein auf kardiovaskuläre Endpunkte (einschließlich tödlicher oder nicht tödlicher Myokardinfarkte, tödlicher oder nicht tödlicher Schlaganfälle) oder andere unerwünschte Ereignisse waren ungewiss.

Die Wirkungen von ACEi plus ARB-Doppeltherapie, Alphablockern und Mineralokortikoidrezeptor-Antagonisten im Vergleich zu Placebo oder alleiniger Regelversorgung wurden nur selten untersucht.

Es gab kaum direkte Vergleiche zwischen ACEi, ARB oder Thiazid und CCB, ACEi und ARB, CCB oder ACEi und Alpha- oder Betablockern oder ACEi plus CCB-Doppeltherapie und ACEi- oder CCB-Monotherapie. In keiner der Studien wurden Ergebnisse zu Krebserkrankungen oder zur Teilhabe am Leben (z. B. Rückkehr zur Arbeit, soziale Aktivitäten, Selbstständigkeit) berichtet.

Anmerkungen zur Übersetzung: 

M. Zeitler, B. Schindler, freigegeben durch Cochrane Deutschland

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